FKB Campus
§ III · M10 · 90 Min. · Bloom 3–5

Strukturierte Bedarfsanalyse

Vom Jahresgespräch zum echten Bedarf

Sparringspartner
Kompetenzstufe
Rollenspiel-Workshop (Präsenz)
Format
v1.0
Version
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Video in Produktion

Dieses Modul wird als Lernvideo aufbereitet.

Stand: v1.0 · Benedikt Zoller Coaching


Abschnitt

Modulinhalte

Theorie-Input: Das Vier-Ohren-Modell

Jede Aussage Ihres Unternehmerkunden enthält gleichzeitig vier Botschaften:

KommunikationsebeneWas der Unternehmer sagt/meintWas der Berater hören sollte
① SachinhaltDie explizite Information (Zahlen, Fakten, Daten)Korrekt aufnehmen, aber nicht stehenbleiben
② SelbstoffenbarungWas er über sich, seine Situation, seine Sorgen preisgibtZwischentöne, Zögern, Formulierungswahl beachten
③ BeziehungsaspektWie er Sie als Berater wahrnimmt; Vertrauen oder SkepsisGesprächsklima aktiv gestalten; Vertrauen voraussetzen
④ AppellWas er von Ihnen erwartet oder erhofftExplizit nachfragen: „Was erwarten Sie von uns?"

Praxisregel: Wenn ein Unternehmer sagt „Wir haben das eigentlich im Griff" – hören Sie auf dem Appell-Ohr: Er möchte möglicherweise zeigen, dass er kompetent ist, und erwartet von Ihnen nicht Rat, sondern Bestätigung. Oder er möchte Sie herausfordern: Beweisen Sie mir, dass ich etwas übersehe.

Theorie-Input: Das SPIN-Fragenmodell

Zusammenspiel der beiden Modelle: SPIN und das Vier-Ohren-Modell sind keine getrennten Werkzeuge – sie laufen im Gespräch parallel. SPIN ist die Gesprächsarchitektur (Was frage ich als nächstes?). Vier-Ohren ist der Wahrnehmungsrahmen (Wie interpretiere ich die Antwort des Unternehmers?). Ein Berater stellt eine Implikationsfrage (SPIN) und hört gleichzeitig auf die Selbstoffenbarungsebene der Antwort (Vier-Ohren). Beide Modelle sind verschränkt – wer nur eines anwendet, verpasst die Hälfte.

Rackham hat nachgewiesen, dass der Unterschied zwischen durchschnittlichen und herausragenden Beratern primär in der Qualität der Fragen liegt – nicht in der Qualität der Produktpräsentation.

FragetypZweckWann einsetzen?Beispiele im Firmenkunden-Jahresgespräch
S – SituationIST-Stand erheben; Kontext verstehenZu Beginn; sparsam – bekannte Fakten nicht abfragen, sondern kommentieren und ergänzenRichtig: „Sie hatten letztes Jahr +10 % Umsatz – was war der Haupttreiber?" (zeigt Vorbereitung, öffnet Gespräch) · „Welche Märkte haben Sie seitdem neu erschlossen?" · Falsch im Jahresgespräch: „Wie hat sich Ihr Umsatz im letzten Jahr entwickelt?" (der Berater hat die Bilanz vor sich – wirkt unvorbereitet)
P – ProblemHerausforderungen identifizieren; Schmerzen sichtbar machenNach dem IST-Stand; aktiv suchen„Wo haben Sie die größten Planungsunsicherheiten?" „Was bereitet Ihnen im Tagesgeschäft am meisten Sorgen?"
I – ImplicationKonsequenzen und Bedeutung der Probleme verdeutlichen; Problemdruck erhöhenWenn Problem benannt; vor Lösungspräsentation„Was würde das für Ihre Mitarbeiter bedeuten, wenn …?" „Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Investitionspläne?"
N – Need-PayoffNutzenwunsch des Kunden aktivieren; er formuliert die Lösung selbstWenn Problemdruck spürbar ist„Was wäre für Sie der Wert einer verbindlichen Liquiditätslinie?" „Wie wichtig wäre es, das bis Jahresende geregelt zu haben?"

Praxiscase: Florian Maurer, Metallbau GmbH & Co. KG

Unternehmensprofil (Berater-Information)

MerkmalDetail
UnternehmenMaurer Metallbau GmbH & Co. KG, Neu-Ulm
BrancheMetallverarbeitung / Lohnfertigung
Umsatz3,2 Mio. EUR (Vorjahr 2,9 Mio. EUR)
Mitarbeiter14 Personen (davon 10 gewerblich)
GeschäftsführerFlorian Maurer, 54 Jahre
BankverbindungVR-Bank Neu-Ulm eG, Kontokorrentlinie 250 TEUR
Aktuelle SituationJahresgespräch nach Bilanzeinreichung 2024. Eigenkapitalquote 24 %. Umsatzanstieg +10 % durch neuen Großkunden (Automotive Tier 2).

Bekannte Bedarfe (sichtbar)

  • Maschinenerneuerung: Zwei Drehmaschinen (Investitionsvolumen ca. 180 TEUR) geplant
  • Erweiterung der Kontokorrentlinie auf 400 TEUR für Auftragsvorfinanzierung

Latente Bedarfe (nur dem Unternehmer bekannt – für Rollenspieler)

  • Nachfolge ungeklärt (echter latenter Bedarf): Sohn (26) zeigt kein Interesse; Maurer hat kein Testament, keinen Gesellschaftervertrag für den Todesfall. Maurer spricht nicht darüber, weil er das Thema mit sich selbst noch nicht geklärt hat – er hofft, der Sohn ändert noch seine Meinung.

    Risiko-Hinweis für den Berater: Diese Situation begründet eine Single-Key-Person-Abhängigkeit und ist im Rahmen der Risikofrüherkennung nach MaRisk AT 2.2 intern zu dokumentieren und ggf. an den Kreditbereich weiterzugeben.

  • Stille Beteiligung läuft aus (echter latenter Bedarf): Ein Schwager ist seit 2012 stiller Gesellschafter (80 TEUR). Die Beteiligung hat eine Kündigungsfrist bis Ende 2025; Maurer hat noch keine Anschlussfinanzierung. Er spricht nicht darüber, weil er befürchtet, die Bank könnte das als Risiko werten.
  • Liquiditätsengpass (bekannt, aber nicht priorisiert): Der neue Großkunde zahlt mit 60 Tagen Ziel; bei Großaufträgen (> 80 TEUR) entsteht Vorlauffinanzierungsbedarf. Maurer hält das für ein temporäres Problem und hat KK bisher ausreichend gefunden.
  • Private Absicherung (latent): Florian Maurer hat seit Jahren keine BU-Versicherung mehr; private Krankenversicherung läuft als Einzelvertrag ohne Unternehmensbezug.

Gesprächsziel für den Berater: Den UnternehmerDialog systematisch durcharbeiten. Mindestens 2 latente Bedarfe sollen durch gezielte SPIN-Fragen sichtbar werden. Bewertungsmaßstab: Wie viele Implikationsfragen werden gestellt? Wird das Gespräch mit konkreten Vereinbarungen abgeschlossen?

Optionale Rollenspielvarianten (für erfahrene Gruppen oder zweite Runde)

Variante A – Der wortkarger Unternehmer Rollenkarte für Unternehmer-Spieler: Sie sind grundsätzlich zufrieden mit Ihrer Bank und sehen keinen Handlungsbedarf. Auf Fragen antworten Sie kurz: „läuft", „passt so", „haben wir immer so gemacht". Sie öffnen sich erst dann, wenn der Berater eine echte Implikationsfrage stellt, die Sie überrascht – z.B. zur stillen Beteiligung oder zur Nachfolge. Reagieren Sie dann mit ehrlichem Nachdenken, nicht mit Widerstand.

Variante B – Zwei Gesellschafter am Tisch (GbR-Situation) Rollenkarten für zwei Unternehmer-Spieler: Sie sind gemeinsam GF einer GmbH & Co. KG. Gesellschafter 1 (Florian Maurer) will investieren und wachsen. Gesellschafter 2 (Bruder, Stefan Maurer, 48 J.) ist risikoscheuer und will zuerst Schulden tilgen. Im Gespräch widersprechen Sie sich subtil – der Berater muss beide abholen und trotzdem vorankommen. Gesprächsziel: Kann der Berater einen gemeinsamen nächsten Schritt vereinbaren, ohne einen der Gesellschafter zu verlieren?

Beobachtungsbogen (für den dritten Rollenspieler)

Name des beobachteten Beraters: _______________________________________________

Datum / Runde: __________________________________________________________________

BeobachtungskriteriumKlar erfülltTeilweiseNicht erfüllt
Begrüßung und Erwartungsklärung zu Beginn
Situationsfragen: Fakten systematisch erhoben
Problemfragen: mindestens 2 Herausforderungen thematisiert
Implikationsfragen: Konsequenzen von Problemen vertieft
Nutzenfragen: Mehrwert durch Kunden formulieren lassen
Aktives Zuhören (Paraphrasieren, kein sofortiges Gegenschlagen)
Vier-Ohren: Signale jenseits des Sachinhalts aufgegriffen
Themenübergänge im UnternehmerDialog strukturiert gestaltet
Latenter Bedarf identifiziert (min. 1)
Vereinbarungen / Maßnahmen am Ende festgehalten

Stärken (2–3 konkrete Beobachtungen):



Entwicklungsfeld (1 konkreter, umsetzbarer Hinweis):




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Praxistransfer

Transferaufgabe (bis zum nächsten Termin in 4 Wochen)

Führen Sie in den nächsten 4 Wochen mindestens zwei strukturierte Kundengespräche (Jahresgespräch oder gleichwertiger Gesprächsanlass: Investitionsfinanzierung, Kreditverlängerung, Erstgespräch Neukunde) mit dem UnternehmerDialog und dem SPIN-Prinzip als bewusste Gesprächsarchitektur. Halten Sie nach jedem Gespräch 5 Minuten inne und beantworten Sie die Reflexionsfragen.

Reflexionsfragen nach jedem Gespräch

  • Wie viele Implikationsfragen habe ich gestellt? (Schätzen Sie die Anzahl.)
  • Welchen Bedarf hat der Unternehmer selbst formuliert – ohne dass ich ihn präsentiert habe?
  • Auf welchem der vier Ohren habe ich primär gehört? Was habe ich möglicherweise verpasst?
  • Welcher Bereich des UnternehmerDialogs blieb offen? Warum?
  • Was nehme ich mir für das nächste Gespräch mit diesem Kunden konkret vor?

Selbstcheck nach 4 Wochen

AussageStimmtNoch nicht
Ich setze Situationsfragen gezielt ein, ohne sie zu übergewichten
Ich stelle mindestens 2 Implikationsfragen pro Gespräch
Ich lasse den Kunden Bedarf selbst formulieren
Ich erkenne non-verbale Signale und spreche sie an
Ich schließe jedes Gespräch mit schriftlichen Vereinbarungen ab
Ich nutze alle relevanten Abschnitte des UnternehmerDialogs aktiv

Empfohlene Vertiefungsliteratur

  • Rackham, N. (1988). SPIN Selling. McGraw-Hill. [Klassiker der Beratungsgesprächsforschung]
  • Schulz von Thun, F. (1981). Miteinander Reden: Störungen und Klärungen. Rowohlt. [Vier-Ohren-Modell, leicht zugänglich]
  • Cialdini, R. B. (2001). Influence: The Psychology of Persuasion. HarperCollins. [Psychologie des Überzeugens]


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Quellen

Alle Quellen sind im zentralen Quellenverzeichnis (quellen/Quellenverzeichnis.md) unter den angegebenen IDs vollständig im APA-7-Format hinterlegt.

Kommunikation & Gesprächsführung

Schulz von Thun, F. (1981). Miteinander Reden: Störungen und Klärungen – Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Rowohlt.

Schulz von Thun, F., Ruppel, J. & Stratmann, R. (2000). Miteinander Reden: Kommunikationspsychologie für Führungskräfte. Rowohlt.

Watzlawick, P., Beavin, J. H. & Jackson, D. D. (1967). Pragmatics of Human Communication: A Study of Interactional Patterns, Pathologies and Paradoxes. Norton. (Dt.: Menschliche Kommunikation. Huber, 2017.)

Bedarfsanalyse & Consultative Selling

Rackham, N. (1988). SPIN Selling. McGraw-Hill.

Hanan, M. (1970). Consultative Selling. AMACOM.

Cialdini, R. B. (2001). Influence: The Psychology of Persuasion (Rev. ed.). HarperCollins.

Bankfachlich

Heim, G. (2007). Handbuch Firmenkundengeschäft: Kreditentscheidung – Risikomanagement – Eigenkapitalunterlegung nach Basel II. Bankakademie-Verlag.

zeb consulting. (2020). Firmenkundenstudie 8.0.

Roland Berger. (2024). KMU-Banking: Firmenkundenberater 2.0.

Didaktik & Kompetenzmodell

Anderson, L. W. & Krathwohl, D. R. (Hrsg.). (2001). A Taxonomy for Learning, Teaching, and Assessing. Addison Wesley Longman.

Dreyfus, H. L. & Dreyfus, S. E. (1980). A Five-Stage Model of the Mental Activities Involved in Directed Skill Acquisition.

Kirkpatrick, D. L. (1994). Evaluating Training Programs: The Four Levels. Berrett-Koehler.

Kolb, D. A. (1984). Experiential Learning: Experience as the Source of Learning and Development. Prentice Hall.